Poesieambulanz Einsatzprotokoll Vernissage

Einsatz-Nummer: 01
Einsatzstichwort: Poesieambulanz bei den Kunstinfekten VII/2015
Einsatzort: auf halber Treppe des Institutes für Anatomie, Universität Erlangen-Nürnberg
Einsatzzeitpunkt: 3. Juni 2015, ca. 20.15h, im Rahmen der Ausstellungseröffnung

Poetischer Rettungsdienst:

Kerstin Hof, Autorin, Lehrbeauftragte MSH Medical School Hamburg, Department „arts and change“, Stephanie Gunkel & Daniela Heigl, beide Studentinnen Intermediale Kunsttherapie MA, MSH Medical School Hamburg, Isabel Ohnesorge, Studentin Coaching & Systementwicklung MA, MSH Medical School Hamburg

Externer Notarzt für akute Poesieschäden: Prof. Dr. med. univ. Winfried Neuhuber

Sonstige: Besucher der Vernissage der Kunstinfekten VII/2015

Schaden: beschädigtes Gedicht & andere Sinnfragen

Schadenhöhe: nicht erhebbar

Ursache: unerklärlich

Einsatzbericht

Ein verunglücktes Gedicht, Poesieambulanz-Team inkl. poetischem Notarzt im Großeinsatz

Bei der Vernissage zu den Kunstinfekten VII/2015 kam es aus bisher ungeklärter Ursache beim Gedicht „Bei der Marien-Bergkirche“ von Eduard Mörike zu Ungereimtheiten.

Beim Vortrag des Gedichtes durch Kerstin Hof stellte die kundige Expertin Stephanie Gunkel, Spezialgebiet Literarische Pharmazie, innerhalb von Minuten diese Verletzungen fest und rief geistesgegenwärtig ihre KollegInnen von der Poesieambulanz.

Nur durch ihren raschen Einsatz konnten die Glücksspezialistin Isabel Ohnesorge, die in bibliologischer Anatomie erfahrene Daniela Heigl und der sowohl medizinisch wie künstlerisch versierte Dr. Winfried Neuhuber größere Schäden am Gedicht und den akustisch gequälten Besuchern abwenden.

Diagnoseversuche schallten durch den Raum. Handelt es sich um „hochtoxische Sinnvergiftung“, eine „Versrythmusstörung“ oder gar einen „Letternbruch“?

Nach der Erstversorgt mit Nährlösung und roter Tinte, konnte das Gedicht auf der Krankentrage  durch die Ausstellung in den bereitstehenden Krankenwagen transportiert werden. Dort wurde es von Daniela Heigl und einigen hilfsbereiten Zuschauern weiter behandelt. Nach einer ersten Trockenlegung wurde aus alten Medizinbüchern, Gedicht- und Kunstbänden Material ausgewählt und für die Transplantation bereitgelegt. Die Notoperation am noch feuchten Gedicht ging reibungslos in 30 Minuten von Statten und das intensivbibliologisch behandelte Gedicht konnte nach dem Nähen in eine Buchpresse gelegt werden. Jetzt hieß es warten.

Die Wartezeit nutzten Stephanie Gunkel und Isabel Ohnesorge dazu, eventuell verbliebene Schäden am Publikum zu behandeln. Erstere las für zwei Gruppen von Interessierten aus der „Literarischen Apotheke“ von Erich Kästner und zweitere unterstützte die Genesung zweier anderer Gruppen durch „Gespräche zum Glück“.

Tags darauf waren alle akuten Gefahren gebannt und das Poesieambulanz-Team hatte die Möglichkeit, das Erlebte zu verarbeiten und seine Künste aneinander wallten zu lassen.

So konnte auch die Crew die heilsame Wirkung der „Literarischen Apotheke“ – Gunkel –, des „Medizinischen Büchersezierens“, der „Gesprächen zum Glück“ – Ohnesorge – und der „Leseambulanz“ – Hof – durch die jeweiligen Expertinnen miterleben. Später zog sich Daniela Heigl mit dem verarzteten Gedicht in den alten Seziersaal der Anatomie zurück um diese dort endgültig zu einem neuen Buch werden zu lassen. Kerstin Hof sezierte dort auch Gedichte, Stephanie Gunkel beschäftigte sich weiter mit literarischen Heilmethoden.

Denn die Poesieambulanz praktiziert bekanntermaßen frei nach Joseph Beuys Satz: „Das Atelier ist zwischen den Menschen“.

Daniela Heigl, im Juli 2015 – zur Projektseite Poesieambulanz

Daniela Heigl und Stephanie Gunkel beim Aufbau

Wortfindungsaktion realisiert von Stephanie Gunkel